Die kurze Antwort
- Eine Spargemeinschaft, oft auch Tontine genannt, ist eine Gruppe, in der alle regelmäßig denselben Betrag einzahlen; in jeder Runde bekommt ein Mitglied den ganzen Topf, bis alle einmal dran waren.
- Fachleute sprechen von einer ROSCA (rotierende Spar- und Kreditgemeinschaft). Sie hat Dutzende Namen: Tanda, Susu, Chama, Stokvel, Esusu, Paluwagan, Hui, Kye, Chit Fund, Tontine …
- Laut Weltbank sparten 2021 25 % der Erwachsenen in Afrika südlich der Sahara in einem Sparclub oder bei einer Person außerhalb der Familie.
- Ihr Wert: eine größere Summe früher bekommen, als wenn du allein sparst, und das ohne Kredit. Das größte Risiko: ein Mitglied, das nach der Auszahlung nicht mehr zahlt.
- Schriftliche Regeln, eine transparente Reihenfolge und eine Übersicht, die alle sehen, verhindern die meisten Streitigkeiten.
So funktioniert eine Tontine
Sechs Kolleginnen und Kollegen vereinbaren, sechs Monate lang 100 € im Monat einzuzahlen. Jeden Monat beträgt der Topf 6 × 100 € = 600 €. In Runde eins bekommt Lena 600 €, in Runde zwei Murat und so weiter bis zum sechsten Monat. Am Ende haben alle 600 € eingezahlt und 600 € bekommen.
- erhält diese Runde
- hat gezahlt
- hat noch nicht gezahlt
Wenn niemand Geld gewinnt oder verliert, wozu das Ganze? Weil die Spargemeinschaft verändert, wann du das Geld bekommst. Die Ökonomen Timothy Besley, Stephen Coate und Glenn Loury haben das 1993 in der American Economic Review untersucht: Für Menschen ohne Zugang zu Krediten ermöglicht eine Spargemeinschaft, eine teure Anschaffung im Schnitt früher zu machen, als wenn sie allein sparen. Nur die letzte Person in der Reihe gewinnt zeitlich nichts. Sie verliert sogar ein wenig: Das Geld bringt während des Zyklus nichts ein, und die Inflation nagt daran, worauf die mexikanische Finanzverbraucherschutzbehörde Condusef bei Tandas hinweist.
Ein Wort zum Namen: Im Deutschen bezeichnet „Tontine“ historisch auch etwas anderes, nämlich eine Anlageform nach Lorenzo de Tonti aus dem 17. Jahrhundert, bei der die Anteile verstorbener Mitglieder an die Überlebenden gehen. In diesem Ratgeber geht es um die rotierende Spargemeinschaft, die im frankophonen Afrika und in afrikanischen Communities in Europa Tontine heißt.
Spargemeinschaften rund um die Welt
Die Anthropologin Shirley Ardener hat 1964 die klassische vergleichende Studie zu diesen Gemeinschaften geschrieben. Dasselbe Prinzip findet sich auf fast jedem Kontinent:
| Name | Wo | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Tanda (Cundina) | Mexiko, lateinamerikanische Communities in den USA | In Mexiko nicht reguliert |
| Susu | Ghana, Karibik | Nicht zu verwechseln mit „Susu-Sammlern“, einem bezahlten Dienst für tägliche Einzahlungen ohne Rotation |
| Esusu, Ajo, Adashe | Nigeria | Esusu und Ajo auf Yoruba, Adashe auf Hausa |
| Chama | Kenia | 30,7 % der Erwachsenen in Kenia gehören einer informellen Gruppe an (FinAccess 2024) |
| Stokvel | Südafrika | Rotierende Stokvels, Lebensmittel-Stokvels zum Jahresende oder Investment-Stokvels; vom Bankrecht ausgenommen, wenn sie dem nationalen Verband NASASA angeschlossen sind |
| Iqub (Equb) | Äthiopien | Reihenfolge meist per Los |
| Tontine, Natt, Njangi | Frankophones Afrika, Senegal, Kamerun | „Njangi“ in den englischsprachigen Regionen Kameruns; manche Gruppen verleihen auch Geld an Mitglieder |
| Partner | Jamaika | Geführt von einem „Banker“, der die Reihenfolge festlegt |
| Sòl | Haiti und seine Diaspora | In den USA weit verbreitet |
| Paluwagan | Philippinen | Unter Kollegen oder in der Familie |
| Arisan | Indonesien | Bei jedem Treffen wird ausgelost, wer den Topf bekommt |
| Hui, Hụi | Chinesische und vietnamesische Communities | Oft mit Geboten, um früher dranzukommen |
| Kye (Gye) | Korea und seine Diaspora | Forschende zählten in den 1980er-Jahren mindestens 1.000 in Los Angeles; US-Gerichte haben ihre Regeln durchgesetzt |
| Chit Fund | Indien | Geführt von einem lizenzierten „Foreman“; Chit Funds Act von 1982, geändert 2019 |
| Lending Circle | USA | Von gemeinnützigen Organisationen wie Mission Asset Fund formalisiert, mit Meldung an Auskunfteien |
Tanda (Cundina)
WoMexiko, lateinamerikanische Communities in den USA
BesonderheitenIn Mexiko nicht reguliert
Susu
WoGhana, Karibik
BesonderheitenNicht zu verwechseln mit „Susu-Sammlern“, einem bezahlten Dienst für tägliche Einzahlungen ohne Rotation
Esusu, Ajo, Adashe
WoNigeria
BesonderheitenEsusu und Ajo auf Yoruba, Adashe auf Hausa
Chama
WoKenia
Besonderheiten30,7 % der Erwachsenen in Kenia gehören einer informellen Gruppe an (FinAccess 2024)
Stokvel
WoSüdafrika
BesonderheitenRotierende Stokvels, Lebensmittel-Stokvels zum Jahresende oder Investment-Stokvels; vom Bankrecht ausgenommen, wenn sie dem nationalen Verband NASASA angeschlossen sind
Iqub (Equb)
WoÄthiopien
BesonderheitenReihenfolge meist per Los
Tontine, Natt, Njangi
WoFrankophones Afrika, Senegal, Kamerun
Besonderheiten„Njangi“ in den englischsprachigen Regionen Kameruns; manche Gruppen verleihen auch Geld an Mitglieder
Partner
WoJamaika
BesonderheitenGeführt von einem „Banker“, der die Reihenfolge festlegt
Sòl
WoHaiti und seine Diaspora
BesonderheitenIn den USA weit verbreitet
Paluwagan
WoPhilippinen
BesonderheitenUnter Kollegen oder in der Familie
Arisan
WoIndonesien
BesonderheitenBei jedem Treffen wird ausgelost, wer den Topf bekommt
Hui, Hụi
WoChinesische und vietnamesische Communities
BesonderheitenOft mit Geboten, um früher dranzukommen
Kye (Gye)
WoKorea und seine Diaspora
BesonderheitenForschende zählten in den 1980er-Jahren mindestens 1.000 in Los Angeles; US-Gerichte haben ihre Regeln durchgesetzt
Chit Fund
WoIndien
BesonderheitenGeführt von einem lizenzierten „Foreman“; Chit Funds Act von 1982, geändert 2019
Lending Circle
WoUSA
BesonderheitenVon gemeinnützigen Organisationen wie Mission Asset Fund formalisiert, mit Meldung an Auskunfteien
Der Global Findex 2021 verzeichnet außerdem 24,7 % in Nigeria, 19,6 % in Ghana, 15,9 % in Indonesien und 7,2 % auf den Philippinen. Die oft zitierten „19 % der Erwachsenen in Afrika“ stammen aus der Ausgabe von 2011.
Und in Deutschland? Hier begegnen dir Spargemeinschaften zum Beispiel in Communities mit Wurzeln in der Türkei (altın günü), in Vietnam (hụi), in West- und Zentralafrika (Tontine, Njangi) oder am Horn von Afrika (Equb). Eine eigene deutsche Tradition ist der Sparclub, etwa in der Stammkneipe: Alle werfen regelmäßig Geld in ihr eigenes Fach im Sparkasten, und am Jahresende wird ausgezahlt, meist mit einer Feier. Das ist keine Rotation, sondern gemeinsames Sparen, ähnlich dem Format mit Auszahlung am Ende.
Spargemeinschaften mit Geboten
In manchen Spargemeinschaften (Hui, indische Chit Funds) bieten Mitglieder, die den Topf früh wollen: Sie nehmen etwas weniger an, und die Differenz wird unter den anderen aufgeteilt. Ein Beispiel, das die Federal Reserve Bank of Philadelphia veröffentlicht hat: Zehn Mitglieder zahlen je 100 $ im Monat. Wer früh mit einem Gebot von 25 $ gewinnt, bekommt einen Topf von 800 $; wer später mit demselben Gebot gewinnt, bekommt 950 $. Frühe Gewinner sind faktisch Kreditnehmer, späte Gewinner Sparer, die eine Rendite erzielen.
Hilft eine Spargemeinschaft bei der Kreditwürdigkeit?
Eine klassische Spargemeinschaft taucht in keiner Auskunftei auf, in Deutschland also auch nicht bei der SCHUFA. In den USA ist das bei gemeinnützigen Lending Circles anders: Mission Asset Fund organisiert zinsfreie Runden über 300 bis 2.400 $ mit 6 bis 12 Personen und meldet die Zahlungen an alle drei großen Auskunfteien. MAF berichtet von durchschnittlich 168 Punkten mehr im Kredit-Score der Teilnehmenden; das ist die eigene Zahl der Organisation.
Die Risiken, und wie du sie begrenzt
- Zahlungsausfall: Ein Mitglied hört auf zu zahlen, nachdem es den Topf bekommen hat. Setz Neue und die Mitglieder, die die Gruppe am wenigsten kennt, ans Ende der Reihenfolge. Die „Partner“-Banker in Jamaika machen genau das und geben die frühen Runden an bewährte Mitglieder.
- Die Organisation: eine schlecht geführte oder zweckentfremdete Kasse. Schreib von Anfang an auf, ob die Person, die organisiert, eine Runde bekommt, eine Gebühr oder nichts.
- Streit: „Ich hab doch gezahlt!“ ohne schriftlichen Beleg. Halte jede Zahlung dort fest, wo alle Mitglieder sie sehen.
- Versteckte Kosten: In Kenia berichteten 28,9 % der Gruppenmitglieder von unerwarteten Gebühren (FinAccess 2024). Jede Gebühr gehört in die schriftlichen Regeln.
- Falsche Spargemeinschaften: Die US-Verbraucherschutzbehörde FTC warnt vor „Sparclubs“, die versprechen, dass du mehr herausbekommst, als du einzahlst, und die davon leben, neue Mitglieder anzuwerben („Blessing Loom“, „Money Board“, „The Circle Game“). In Deutschland kennt man solche Systeme als „Schenkkreise“. Eine echte Spargemeinschaft zahlt nie mehr aus, als die Mitglieder einzahlen.
Eine Spargemeinschaft organisieren, Schritt für Schritt
- 1Die Gruppe6 bis 12 Personen, die sich kennen, die häufigste Größe.
- 2Betrag und RhythmusEine Summe, die alle bequem zahlen können, wöchentlich oder monatlich.
- 3ReihenfolgePer Los oder durch Beschluss der Gruppe, schriftlich festgehalten; Neue zuletzt.
- 4Die RegelnVerspätungen, Strafen, Austritte, Ersatzleute, etwaige Gebühren, Startdatum.
- 5ÜbersichtWer gezahlt hat, wer ausgezahlt wird, wann: für alle sichtbar.
- 6BilanzAm Ende des Zyklus Bilanz ziehen, bevor eine neue Runde startet.
Wie du den Alltag im Detail organisierst, liest du in unserem Ratgeber Eine Spargemeinschaft ohne Notizbuch organisieren.
Anna hat für die Büro-Spargemeinschaft gezahlt
Notiert: Anna ist für Runde 3 abgehakt. Jonas muss noch zahlen. Anna bekommt 600 €, sobald alle gezahlt haben.
Ein Satz hakt eine Zahlung ab, und die ganze Gruppe sieht dieselbe Liste.
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Mitglieder in Auszahlungsreihenfolge, Beiträge abgehakt, sobald sie eingehen, und der Topf für dich ausgerechnet.
- In Sekunden eingerichtet: Name, Betrag, Rhythmus, Mitglieder
- Schreib „Lena und Murat haben gezahlt“: Dein Assistent hakt sie ab
- Aktuelle Runde, wer ausgezahlt wird und die nächste Runde immer im Blick
- Mit den Mitgliedern in einem gemeinsamen Assistenten geteilt
Binome360 kennt vier Formate: reihum, Auslosung oder Wahl in jeder Runde, Versteigerung und ein Sparformat, bei dem erst am Ende ausgezahlt wird. Wichtig: Binome360 führt die Aufzeichnungen der Spargemeinschaft. Die App sammelt kein Geld ein und bewegt keins: Die Beiträge wechseln weiter in bar, per Überweisung oder per Mobile Money den Besitzer.
Häufige Fragen
Was passiert, wenn jemand die Spargemeinschaft verlässt?
Das hängt von euren Regeln ab, und genau deshalb schreibt ihr sie vor dem Start auf. Wer den Topf noch nicht bekommen hat, bekommt seine Beiträge oft am Ende des Zyklus zurück oder wird durch jemand Neuen ersetzt, der den Platz übernimmt. Wer ihn schon bekommen hat, schuldet seine Beiträge bis zum Ende des Zyklus.
Wie legt man die Reihenfolge fest?
Am häufigsten per Los, per Gruppenbeschluss nach Bedarf (eine Geburt, Schulgebühren, die Miete), nach Dauer der Mitgliedschaft oder per Gebot. Egal, wie ihr euch entscheidet: Schreibt die Reihenfolge auf und setzt die Mitglieder, die ihr am wenigsten kennt, ans Ende.
Wie viele Mitglieder sollte eine Spargemeinschaft haben?
Meist 6 bis 12. Weniger Mitglieder bedeuten einen kleineren Topf und einen kurzen Zyklus; mehr Mitglieder einen größeren Topf und einen langen Zyklus, mit mehr Gelegenheiten, dass unterwegs jemand abspringt.
Woran erkennst du eine falsche Spargemeinschaft?
Sei misstrauisch bei jedem Versprechen, mehr herauszubekommen, als du einzahlst, bei jeder Pflicht, neue Mitglieder anzuwerben, um ausgezahlt zu werden, und bei einer Organisatorin oder einem Organisator, den niemand in der Gruppe kennt. Das sind die Zeichen von Schneeballsystemen, die sich als Spargemeinschaft tarnen. Informelle Spargemeinschaften unter Menschen, die sich kennen, sind dagegen verbreitet und in der Regel erlaubt, auch wenn sich die Regeln von Land zu Land unterscheiden.
Kurz gesagt
Eine rotierende Spargemeinschaft, weltweit unter Dutzenden Namen bekannt, lässt eine Gruppe sich gegenseitig finanzieren, Runde für Runde, ganz ohne Zinsen. Sie lebt vom Vertrauen: Schriftliche Regeln, eine transparente Reihenfolge und eine Übersicht, die alle sehen, sind die besten Schutzmechanismen. Erster Schritt: Schreib die Regeln deiner nächsten Spargemeinschaft auf eine Seite, bevor die erste Zahlung fließt.
Quellen
- Weltbank, The Global Findex Database 2021, Little Data Book on Financial Inclusion 2022 (Indikator „saved using a savings club or a person outside the family“).
- Timothy Besley, Stephen Coate und Glenn Loury, „The Economics of Rotating Savings and Credit Associations“, American Economic Review, 83(4), 1993, S. 792–810.
- Shirley Ardener, „The Comparative Study of Rotating Credit Associations“, Journal of the Royal Anthropological Institute, 94(2), 1964, S. 201–229.
- Central Bank of Kenya, KNBS und FSD Kenya, 2024 FinAccess Household Survey: centralbank.go.ke.
- NASASA (National Stokvel Association of South Africa): nasasa.co.za; Banks Act Notice 404, Government Gazette 35368, 2012.
- Federal Reserve Bank of Philadelphia, „Alternative Financial Vehicles: Rotating Savings and Credit Associations (ROSCAs)“, 2006.
- Sudhanshu Handa und Claremont Kirton, „The economics of rotating savings and credit associations: evidence from the Jamaican ‘Partner’“, Journal of Development Economics, 60(1), 1999.
- Mission Asset Fund, Lending Circles: missionassetfund.org.
- Federal Trade Commission, „Real or fake savings club?“, 2020: consumer.ftc.gov.
- The Chit Funds Act, 1982, und Chit Funds (Amendment) Act, 2019 (Indien).
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